Eine Legasthenie steckt im Kind, nicht in einer Sprache. Ihr Ursprung liegt in der Verarbeitung von Lauten, und deshalb wirkt sie sich auf jede Schriftsprache aus, die das Kind lernt. Ein zweisprachiges Kind mit Legasthenie hat sie im Englischen und im Deutschen — die Forschung ist hier eindeutig. Man könnte also meinen, sie falle im Ausland früh auf. Das Gegenteil ist der Fall, aus zwei Gründen, die sich überlagern.
Die erste Tarnung liegt in der Schulsprache. Ihr Kind lernt Lesen und Schreiben auf Englisch oder Französisch — in einer Sprache, die es ohnehin erst erwirbt. Wenn es dabei strauchelt, hat jeder sofort die bequeme Erklärung parat: „Es lernt eben noch die Sprache.“ Die Legasthenie verschwindet hinter der Zweisprachigkeit. Man wartet, statt hinzuschauen.
Die zweite Tarnung liegt in der deutschen Sprache selbst. Deutsch ist eine sehr regelmäßige Schriftsprache — Laute und Buchstaben passen verlässlich zusammen. Das ist normalerweise ein Segen, hier aber ein Fluch: In einer so regelmäßigen Sprache zeigt sich eine Legasthenie nicht an auffälligen Fehlern, sondern vor allem an mühsamem, langsamem Lesen. Fachleute nennen die Legasthenie im Deutschen deshalb eine „versteckte“ Störung. Und diese versteckte deutsche Seite unterrichtet und prüft an einer englischen oder französischen Schule ohnehin niemand. Sie ist unsichtbar hinter unsichtbar.
So kommt es, dass ein kluges Kind mit einer echten Legasthenie jahrelang durch jedes Raster fällt: in der Schule als „noch am Sprachenlernen“ abgetan, im Deutschen von niemandem geprüft — und selbst wenn, kaum an groben Fehlern zu erkennen.
Und darunter tickt eine Uhr, die es bei kaum einem anderen Störungsbild so gibt. Denn irgendwann kommt der Moment, in dem die deutsche Schriftsprache plötzlich zählt: die Rückkehr an eine deutsche Schule, der Wechsel aufs Gymnasium, das Internat in der Schweiz, das deutsche Abitur. Dann muss das Kind auf Deutsch lesen, Aufsätze schreiben, Klausuren bestehen — und die jahrelang unerkannte Legasthenie schlägt auf einen Schlag durch, in genau dem Moment, in dem am meisten davon abhängt. Bis dahin ist ein großer Teil der wertvollsten Förderjahre verstrichen.
Erkennen und Fördern gehen nur auf Deutsch, mit deutschen Maßstäben. Am Wohnort gibt es das nicht.
Das ist der Grund, warum Von Heimar existiert.