Bei kaum einem anderen Störungsbild arbeitet die Auslandssituation so gründlich gegen das Kind wie hier — und zwar auf zwei Ebenen gleichzeitig.
Die erste Ebene ist das Risiko. Mehrsprachige Kinder entwickeln selektiven Mutismus nicht seltener, sondern häufiger — Studien nennen ein bis zu viermal höheres Risiko. Das ergibt Sinn: Ein Kind, das ohnehin zu Ängstlichkeit neigt und dann in eine fremde Sprache, eine fremde Schule, ein fremdes Land gestellt wird, findet in dieser Überforderung leicht in das Schweigen hinein. Ausgerechnet die Expat-Kinder, um die es hier geht, sind also besonders gefährdet.
Die zweite Ebene ist die Tarnung. Wenn ein deutschsprachiges Kind in einer englischen oder französischen Schule schweigt, hat jeder sofort eine Erklärung parat: „Es lernt ja noch die Sprache.“ Die Lehrerin denkt es, der Schularzt denkt es, manchmal denken es die Eltern selbst. Das Schweigen verschwindet hinter der naheliegendsten Annahme — und niemand schaut genauer hin. So kommt es, dass selektiver Mutismus bei gerade diesen Kindern am häufigsten übersehen und am spätesten erkannt wird.
Dabei liegt der Gegenbeweis offen zu Tage: Das Kind spricht zu Hause fließend Deutsch. Ein Kind, das eine echte Sprachbarriere hätte, wäre auch dort eingeschränkt. Dass es zu Hause frei redet und in der Schule kein Wort sagt, ist genau das Muster des Mutismus — und es beweist, dass die Angst das Problem ist, nicht die Sprache. Nur muss jemand dieses deutsche Sprechen kennen, um den Unterschied zu sehen. Eine Lehrerin oder Therapeutin vor Ort, die das Kind nur in seiner stummen Version erlebt, kann ihn nicht sehen.
Und die Behandlung baut genau auf diesem Sprechen auf. Selektiver Mutismus wird überwunden, indem man den Kreis der Situationen und Personen, in denen das Kind spricht, behutsam erweitert — vom sicheren Kern nach außen. Der sichere Kern dieser Kinder ist das Zuhause, und die sichere Sprache ist Deutsch. Eine Therapie, die dort nicht ansetzen kann, hat kein Fundament. Am Wohnort gibt es niemanden, der auf diesem Fundament aufbauen kann.
Das sichere Deutsch des Kindes hört am Wohnort niemand.
Das ist der Grund, warum Von Heimar existiert.